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Pendler: Allein unterwegs?

Eine Sache die jeder am Tag hinter sich bringt – manche zu Fuß, andere mit Auto oder Zug: Der tägliche Weg zur Arbeit. Hier eine Momentaufnahme vom „Travelling with Deutsche Bahn“. Stellt sich mir die Frage: Als Pendler allein unterwegs?!

Auf Tick folgt Tack

Am Gleis weht ein eisiger Wind. „Das Thermometer soll Plusgrade anzeigen“, zumindest waren das die Worte des Radiosprechers heute Morgen. Aber während ich hier so stehe und auf den Zug warte, zweifel ich an seiner Glaubwürdigkeit. Mit der Meinung steh‘ ich nicht allein: Alle Pendler ziehen die Schultern hoch und atmen in ihren Kragen, in der Hoffnung etwas Wärme zu erzeugen. Manche reiben ihre Hände aneinander, andere bevorzugen das Tippeln auf der Stelle. Egal, wie man es dreht: Es ist kalt, auch wenn einem heute Morgen  etwas anderes erzählt wurde. Der Zeiger an der Bahnhofsuhr scheint ebenfalls einzufrieren. Tick. Sollte der Zug nicht schon längst da sein? Tack. Ach, wo denke ich hin, schließlich reise ich mit der Deutschen Bahn. Während ich überlege, ob der Zug jemals pünktlich den Bahnhof erreichte, erscheint ein kleiner Lichtschein am Horizont. Oh, das dürfte er sein. Die halbjährige Erfahrung zeigt, dass der Zug von jetzt an noch 92 Sekunden benötigt, bis ich einsteigen kann. Tick. Werden es heute, bei gefrostetem Zeiger, auch  nur anderthalb Zeigerumdrehungen sein? Tack. Und da beginnt es auch schon, das permanent einsetzende „Pendlerrücken“. Das Phänomen, das einsetzt, sobald der Zug in Sichtweite ist: Alle Pendler machen auf einmal kleine Schritte in die Richtung des herannahenden Zuges. Komisch! Aber ok, schließlich verringern sie ja auch die Strecke zwischen sich und dem warmen Ziel. Ob sie sich auf das eigentliche Ziel genauso freuen?

Ist da wer?

Als der Zug mit seinem so typischen Quietschen zum Stehen kommt, beginnt der erste Kampf des Tages. Zumindest habe ich in diesem Moment das Gefühl, die Ellbogengesellschaft am eigenen Lieb zu spüren – jeder will als erstes in den Zug kommen und einen der raren Plätze ergattern. Keiner möchte auf dem Weg zur Arbeit stehen. Es klingt traurig, aber wenigstens spüre ich hier, dass noch andere Menschen mich umgeben. Dieses Gefühl ist schon bald verschwunden. Sobald alle einen Sitz ergattert haben, kehrt Ruhe ein. Zumindest bis der Zug das nächste Mal hält. In der Zwischenzeit höre ich nur vereinzelt kurze Gespräche unter Arbeitskollegen – im Flüsterton. Ansonsten sind Smartphones, Laptops oder Zeitungen allgegenwärtig. Ich frage mich, ob ich allein unterwegs bin. Versunken im Roman, Lied, Nachricht oder Serie findet die vorbeirauschende Natur jenseits der Fensterscheibe keine Beachtung. Warum auch? Fahren alle Pendler die Strecke doch jeden Tag, zweimal! Die gedämpften, leisen Gespräche am anderen Ende das Waggons werden übertönt vom Geraschel der Zeitung oder dem monotonen Fahrgeräusch des Zuges. Keinem kommt auch nur ansatzweise der Gedanke, sich mit seinem fremden Sitznachbar zu unterhalten. Wieso sollten sie? Schließlich kennt man sich nicht und jeder will eigentlich nur ankommen, auch wenn es „nur“ zur Arbeit geht.

Die stumme Flut

Bevor der Zug zum letzten Mal hält, sind sie wieder da: Die Ellbogen. Zwar nicht so stark wie beim ersten Mal, aber ich spüre das Gedränge an den Türen. Die letzte Handlung der Passagiere ist das Ankämpfen gegen die eigene Trägheit: Wenn der Zug bremst und alle Pendler einen Ruck in die gleiche Richtung machen, muss ich immer schmunzeln. Dieses Schauspiel erinnert mich an den Physikunterricht der 8. Klasse, als mein Lehrer solch eine Situation beschrieb, um die Trägheit zu erklären. Dann ist es so weit: Die Schleusen gehen auf und die Menschenmasse bahnt sich ihren Weg. Aus der Vogelperspektive erinnert es sicher an einen riesigen Ameisenstrom. Gern stelle ich mir diesen Pendlerverkehr am Bahnhof im Zeitraffer vor: Wie der Zug eine „Wagenladung Pendler“ nach der anderen ausspuckt. Und nach wenigen Minuten sind sie alle in sämtliche Himmelsrichtungen verschwunden und verteilen sich über das dichte Straßennetz in der ganzen Stadt. Jeder ist für sich auf dem Weg ins Büro, zur Baustelle, ins Lager, ins Geschäft oder die Klinik – so wie die ganze Zeit über. Was anonym begann, endet auch anonym. Tag für Tag. Woche für Woche. Und es bleibt eine Frage: War ich allein unterwegs?

6 Comments

  1. Fichte, Birgit

    Es macht Spaß den Artikel zu lesen.
    Ich bin ja nur ein unregelmäßiger Bahnkunde, aber die Beobachtungen die du niedergeschrieben hast sind sehr lebendig beschrieben. Ich musste beim Lesen auch leicht schmunzeln.
    Könntest auch Kurzgeschichten für die Presse schreiben.
    Schöne Adventszeit

    • Sei froh, dass du nur hin und wieder zur Bahn greifen musst. Aktuell ist sie zwar etwas verlässlicher, aber darauf verlasse ich mich ungern. Dir auch schöne Adventszeit.
      LG

  2. Ich habe es wirklich gehasst. An meinem Bahnhof gab es damals nicht mal Handyempfang. Das wird sich bis heute nicht geändert haben. Besonders erfreulich wurde es, wenn die Heizung im Zug ausgefallen ist. Kam erstaunlich oft vor. Und das bei den Preisen.

    Unterhalten hab ich mich aber trotzdem oft. Auch mit Fremden. Oft haben mir ältere Damen und Herren ihren Reisegrund erläutert. Fand ich nett. Nur die „Jungen“ waren verschwiegen. Vermutlich zu cool.

    Trotzdem muss ich sagen, ich bin vielmals froh um die Verschwiegenheit. Ich möchte wirklich nicht mit jedem reden. Nicht weil ich denke, dass was er sagt könnte uninteressant sein, sondern vielmehr aus dem Grund dass die meisten Bahnhofsgesichter eher unsympathisch wirkten. Lag vielleicht auch an der Uhrzeit. Es war halb sechs Uhr morgens.

    • Handyempfang habe ich glücklicherweise am Bahnsteig. Dieser wurde auch einige Male dringend benötigt, als mein Zug ausfiel oder sich dermaßen verspätete, dass ich zu alternativen Fahrten gezwungen war.

      Du hast recht! Mit jedem muss oder will man wirklich nicht reden. Aber bei einigen, wo es durchaus vorstellbar wäre, ergibt sich oftmals einfach gar nicht die Chance, da Zeitung oder Smartphone einen größeren Stellenwert besitzen …

  3. Wirklich sehr schön beobachtet. Ich selbst gehöre seit gut einem Monat zu den Bahn-Pendlern, jeweils 40 Minuten hin und zurück, da erlebt man schon einiges, obwohl ich zugegeben manchmal auch mein Buch auspacke. Zum Glück wird bei uns hier fast gar nicht gedrängelt, es stellen sich draußen sogar alle an die Seiten der Türen, damit die Leute erst mal aussteigen können. Das kannte ich vorher gar nicht, beim Pendeln während meines Studiums wurde permanent geschubbst.

    PS: Bin über Magic Letters bei dir gelandet und fühl mich hier gleich richtig wohl. Werd dann wohl jetzt öfter vorbeisurfen. :)

    • Freut mich zu hören, dass du dich hier gleich wohlfühlst. Bist auch herzlich willkommen :)

      Ich finds gar nicht schlimm, auch mal ein Buch auszupacken, da bei einer täglichen Fahrt ohne große Geschehnisse einem schon mal der Gedanke verlorener Zeit kommt. Insofern sollte man die Zeit nutzen. Ich habe daher auch gerne zum Buch gegriffen. Schließlich war Kommunikation oder dergleichen im Abteil nicht zu finden …

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