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Buchreview: Galveston von Nic Pizzolatto

Heute widme ich mich dem Krimi von Nic Pizzolatto. Viele von euch kennen ihn vielleicht als Autor der erfolgreichen Fernsehserie „True Detective“. Doch hat er sein Können auch mit seinem Buch Galveston unter Beweis gestellt? Seht selbst …

Ein übler, großer Kerl – Marke Schläger – und eine junge, gutaussehende, etwas verwahrloste Frau reisen im Auto durch die Vereinigten Staaten. Auf den ersten Blick scheint die Situation klar: Eine Prostituierte und ihr Zuhälter. Doch ein kleines Kind auf dem Rücksitz lässt die Umstände bizarr erscheinen. Wer die ganze Geschichte kennt, weiß, dass die Gegebenheiten in Wirklichkeit noch viel verrückter sind.

Worum geht’s?

„Ich heiße Roy Cady, […] stamme aus East Texas, dem goldenen Dreieck, und diese Typen haben mich immer als Abschaum betrachtet, was in Ordnung ist, weil sie andererseits auch Schiss vor mir haben.“

Roy und Racquel sind zwei gescheiterte Existenzen, die durch ihren „Job“ zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Alkohol, Drogen und Schlägereien begleiten sie auf der Flucht, vor den Leuten, die ihren Tod herbeiwünschen. Das Ziel der beiden: Die Vergangenheit hinter sich lassen und nie wieder zurückblicken. In der Hoffnung, ein normales Leben zu führen, blicken sie der Zukunft erwartungsvoll entgegen. Gleichzeitig richten sie den Blick auf die Passanten in ihrer Umgebung – etwa im Imbiss, in der Einkaufsmeile oder an der Strandpromenade. Sie vergleichen ihre eigenen gescheiterten Existenzen mit dem losgelösten und fröhlichen Leben der anderen. Die typischen „Was wäre wenn“- Gedanken nagen an ihren Gewissen. Gemeinsam philosophieren sie über das Leben und die Verteilung des Glücks – der Lotterie des Seins.

„Es [das Leben] kommt einem unfair vor, weil alles zufällig passiert. Aber genau deshalb ist es fair. Verstehst du? Fair wie eine Lotterie.“

Sie hinterfragen den Sinn des Lebens. Roy und Racquel machen sich Mut, nach Rückschlägen wieder aufzustehen und einen Neustart zu versuchen. So stellt die Story einerseits eine Ode auf das Leben da, aber zieht hierzu gerade die schweren Phasen zweier (vermeintlich) gescheiterter Existenzen heran. Die Charaktere leben es vor: Man sollte auch in schwierigen Lebensphasen nicht den Mut verlieren und sich von nichts aufhalten lassen. Roy ist das beste Beispiel hierfür. Sein Körper will nicht mehr so, wie er will. Tagein tagaus war sein Körper sein Arbeitswerkzeug. Die Ironie des Schicksal verschlägt Roy, der selbst immer den Tod in die Häuser fremder – sicher nicht unschuldiger – Menschen brachte in die Situation, von einem Arzt sein nahendes Ende mitgeteilt zubekommen. Die niederschmetternde Diagnose lautet Lungenkrebs. Stark geschwächt, haut es ihn daher immer Mal wieder auf die Bretter.

„Die Leute, die ich beseitigt habe, waren keine unschuldigen Zuschauer […] Ich sehe es so: Sie haben etwas heraufbe-schworen, und ich war dafür zuständig, es zu regeln. Sie haben es alle darauf angelegt.“

Seinen Neuanfang vor Augen, ist er froh, nicht mehr mit diesen fiesen Machenschaften für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Kraft hierfür gibt ihm seine Weggefährtin. Selbst auf die schiefe Bahn geraten, verkauft Raquel ihren Körper für Geld, gutes Geld, wie sie meint. In einem Moment erfreuen sie sich Ihrer gegenseitigen Gesellschaft und im nächsten bereuen sie diese. Mal machen sie gute Miene zum bösen Spiel, Mal wertschätzen sie wirklich die Anwesenheit des anderen. Trotz der Gefühlsachterbahn sind sie füreinander da, wenn es brenzlig wird.

Meinung gefällig?

Der philosophisch beste Thriller, den ich bisher gelesen habe. Galveston lässt sich dem Genre Krimi Noir zuordnen und lebt von seinem Antihelden. Der Story mangelt es nicht an Tiefsinn und Denkanstößen, die nachklingen. Trotzdem bleibt auch die Brutalität nicht auf der Strecke. Da die beiden stets von ihren Verfolgern gesucht werden, können sie sich nirgends sicher fühlen und sind ständig auf der Flucht. Das Katz-und-Maus-Spiel wird durch kleine Zeitsprünge in die Zukunft unterbrochen, was der Handlung zusätzlich einen spannenden Anstrich verleiht. Der Leser beginnt eine Empathie zu Roy aufzubauen. Und das, obwohl es sich um einen Menschen handelt, den man im wahren Leben eher meiden würde. Seine Lebenseinstellung ist teils nachvollziehbar und teils streitwürdig – aber genau diese Ecken und Kanten machen ihn so besonders. Die Story lebt vom Protagonisten und dem Weg durch die Scherben seines Lebens. Ein Buch, das es trotz kleiner langwieriger Phasen versteht, den Leser bei der Stange zu halten – bis zur letzten Seite.

2 Comments

  1. Das Buch und den Schriftsteller kannte ich noch nicht.
    Aber mit deiner Schilderung hast du mich neugirieg auf das Buch gemacht.
    Werde gleich mal sehen ob es in unserer Bibliothek ist und wenn nicht kommt es auf meine Bücherliste.
    Vielen Dank fur die Anregung.

    LG B.

    • Für mich war es auch ein Tipp eines Kollegen. Sonst wäre ich sicher auch nie auf das Buch gestoßen :) Bin ich ja gespannt, ob ihr es in eurer Biblio habt.

      LG

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